Wecker: Wenn das Lied bleibt – und der Mensch fällt

Zu Konstantin Wecker, Macht, Enttäuschung und der Frage nach dem Danach

Die jüngsten Veröffentlichungen über Konstantin Wecker haben mich tief erschüttert. Berichte darüber, dass er als damals etwa 60-Jähriger eine sexuelle Beziehung zu einer 15- bis 16-Jährigen gehabt hat, reißen etwas auf, das weit über eine einzelne Person hinausgeht. Sie treffen nicht nur einen bekannten Liedermacher – sie treffen Hoffnungen, Vertrauen und politische Identifikation.

Ein politisch bedeutendes Lebenswerk wurde selbst zerstört

Ich könnte heulen. Wir von der AG 100 Jahre hatten uns so auf diesen besonderen Moment gefreut: einen Open-Air-Auftritt zum Jubiläum von Heideruh. Konstantin Wecker hatte zugesagt, wollte unterstützen, wollte Teil dieses Anlasses sein. Das ist nun nicht mehr möglich. Für uns ist klar: Mit einem Mann, der ein minderjähriges Mädchen missbraucht hat – und um nichts anderes geht es hier –, können wir nicht zusammenarbeiten.

Was mich dabei fast ebenso umtreibt wie die Tat selbst, ist eine Leerstelle in vielen Artikeln, die ich gefunden habe: Wie geht es nun weiter?
Wie gehe ich persönlich damit um, wenn jemand, dessen Texte einen über Jahre/Jahrzehnte begleitet, getröstet, politisiert, ermutigt haben, plötzlich in einem anderen Licht steht?

Was mache ich als (ehemaligem?) Fan? Räume ich die CDs aus dem Regal? Höre ich die Lieder nicht mehr, die mir politisch viel bedeutet haben – nicht die selbstgefälligen „Genuss“-Pamphlete, sondern die kämpferischen, solidarischen, widerständigen Songs? Kann ich das trennen: den Songwriter von seinem Verhalten als Mann?
Darf ich „Sag nein“ noch singen?

Diese Fragen sind schmerzhaft, weil sie keine einfachen Antworten zulassen.

Die bittere Erkenntnis: Es trifft wieder die Linke

Ich bin nicht nur traurig, ich bin auch wütend! Und diese Wut richtet sich nicht nur gegen Konstantin Wecker. Sie richtet sich gegen ein Muster: Warum bekommen Männer ihre „Männlichkeit“ nicht in den Griff? Warum müssen sie sie immer wieder demonstrieren – unabhängig von Alter, politischer Haltung, Herkunft?

Das, was da „passiert“ ist, trifft mich besonders dort, wo ich anderes erwarte: in linken, progressiven, emanzipatorischen Zusammenhängen. Weil es dort um die Vision einer besseren Welt geht. Weil dort Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit zentrale Begriffe sind.

Verärgender Nebeneffekt sind die hämischen Stimmen von außen: „Seht ihr, die sind auch nicht anders.“ So heißt es in der Überschrift eines „Welt“-Artikels erwartungsgemäß: »Konstantin Weckers Entschuldigung und die ewige Selbstlüge der Linke«
Solche Taten zerstören Vertrauen. Sie beschädigen nicht nur einzelne Biografien, sondern ganze politische Utopien.

Sarah Brosetti spricht von einem Machtgehabe prominenter Menschen. Das ist ein wichtiger Punkt – aber ich finde, er allein greift zu kurz. Denn sexuelle Gewalt und Grenzverletzungen gab es und gibt es auch jenseits von Prominenz. Das Problem ist strukturell.

Alte Debatten, alte Ausreden

Gleichzeitig kommen mir die alten Diskussionen in den Sinn: der sogenannte „Nebenwiderspruch“. Frauenrechte, so hieß es lange, seien nachrangig. Erst müsse der Kapitalismus überwunden werden, dann erledige sich der Rest fast von selbst.

Natürlich war und ist das falsch – aber bequem. Denn dieses Denken entlässt Männer aus der konkreten Verantwortung. Es verschiebt Gewalt in eine abstrakte Zukunft. Und es übersieht, dass patriarchale und kapitalistische Machtstrukturen sich nicht ablösen, sondern gegenseitig stabilisieren.

Feministinnen haben das seit Jahrzehnten klar benannt: Es gibt keine gerechte Gesellschaft ohne die konsequente Auseinandersetzung mit männlicher Macht – im Privaten wie im Politischen. Und es gibt keinen „guten Zweck“, der sexuelle Gewalt relativieren oder überdecken darf.

Lassen sich Werk und Autor trennen?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht helfen am ehesten die Gedanken: Ich muss Werk und Autor nicht trennen. Ich darf aber anerkennen, dass etwas einmal wichtig für mich war – und heute nicht mehr geht.

Vielleicht liegt die ehrlichste Antwort nicht im Entweder-oder, sondern im Aushalten des Widerspruchs:
• Ja, diese Lieder haben mir etwas gegeben.
• Und ja, das Wissen um das Verhalten ihres Autors verändert unwiderruflich, wie ich sie höre – oder ob ich sie überhaupt noch hören kann.

Schmerz gehört dazu. Verlust auch.
Was nicht dazugehört, ist Verdrängung.

Was bleibt

Aus meiner Erfahrung in meinem politischen Erleben greift vielleicht diese Erkenntnis: Es geht zusammen – Männer, die für eine bessere Welt kämpfen und Frauen und überhaupt jede Form von Sein und Lebensformen achten.

Aber es passiert nicht automatisch. Es braucht Selbstreflexion, Machtkritik, Konsequenzen – und die Bereitschaft, zuzuhören, auch wenn es weh tut.

Heldenbilder helfen dabei nicht. Sie machen blind. Und sie fallen – immer wieder.

Wir jedenfalls sind nicht bereit, über Gewalt hinwegzusehen – egal, wie wichtig, inspirierend, mutmachend die Lieder einmal waren…. und gleichzeitig weiß ich immer noch nicht, ob ich nie wieder „Sag nein“ z.B. von Esther Bejarano und Wecker anhöre…

Heike Mews, AG 100 Jahre Heideruh


Links

Banalität des Männlichen – Magazin der VVN-BdA
Konstantin Wecker soll sexuelle Beziehung zu Minderjähriger gehabt haben – DER SPIEGEL
Konstantin Wecker: Neue Vorwürfe gegen Liedermacher – DER SPIEGEL
Skandal um Sänger Konstantin Wecker: Was er und Til Lindemann gemeinsam haben | taz.de
Deutscher Liedermacher – Konstantin Wecker und das Ende einer Heldeninszenierung | nd-aktuell.de
Sarah Brosetti zu Konstantin Wecker